Biikebrennen

Mag das Wetter noch so grauslich sein: Am 21. Februar wird es im Lande der Nordfriesen urgemütlich, denn dann treiben sie alljährlich an ihrer Küste, auf den Inseln und Halligen mit gewaltigen Biikefeuern, mit Essen, Trinken und Tanzen den Winter aus.

Rund 50 Feuer brennen auf den Inseln und Halligen und dem nordfriesischen Festland an diesem Abend.

Die Biike (Sylter Friesisch das „Feuerzeichen“) geht bis auf heidnische Zeiten zurück und sollte zum Ende des Winters die bösen Geister vertreiben. Von diesem Ursprung hat sich bis heute teilweise in Nordfriesland der Brauch erhalten, eine Strohpuppe mit zu verbrennen. 2014 wurde das Biikebrennen in das nationale Verzeichnis der immateriellen Kulturgüter aufgenommen.

Beim Biikebrennen, dem ältesten nordfriesischen Brauch, sind die Einheimischen bis heute mit Begeisterung dabei. Mancherorts sammeln die Konfirmanden schon Wochen vorher Holz und Reisig, aber auch in den friesischen Vereinen und in den Küchen geht es rund. Und wenn der riesige Holzstoß dann heruntergebrannt ist, treffen sich die Nordfriesen und ihre Gäste zum deftigen Grünkohlessen mit Kasseler und Schweinebacke, Teepunsch und Grog.

Viele Veranstaltungsorte des Biikebrennen 2017 finden sich auf http://www.nordseetourismus.de/biikebrennen-nordsee

Winterwanderzeit in Watt an der niedersächsischen Nordsee

Schon von weitem sieht man sie: dick eingepackte Menschen mitten im Wattenmeer. Ein zweiter Blick aus der Nähe lässt ihre roten Wangen und die scheinbar gefrorene Nasenspitze erkennen. Sie sind angezogen, als wollten sie arktischer Kälte trotzen – genau richtig, denn so schützen sie sich vor dem eisigen Wind. In Begleitung eines Wattführers geht es los – auf eine Reise durch die winterliche Wattlandschaft.

Die ersten Schritte hinein ins Watt lassen die Teilnehmer aufhorchen: Die entstandenen Eisflächen knacken und knistern unter ihrem wasserfesten Schuhwerk. schmunzeln schon, denn bei Betreten der Eisflächen knackt und knistert es an allen Ecken. Durch die Ruhe im Winter sind all diese Naturgeräusche besonders deutlich zu hören.

„Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, den Menschen die Einzigartigkeit des UNESCO-Weltnaturerbes Wattenmeer in all seinen Facetten nahezubringen“, sagt der zertifizierte Nationalpark-Führer Wolfgang Gedat, der vor Schillig mit kleinen Gruppen ins Watt geht. Auf seiner Tour „Winterwatt erleben“ erklärt er, wie die Tiere im Watt mit den winterlichen Temperaturen umgehen. Zum Aufwärmen gibt es für seine Gäste Glühwein und Kinderpunsch. Die nächste Gelegenheit, das Winterwatt vor Schillig zu entdecken, bietet sich am Sonnabend, dem 10. Dezember. www.abinswatt-schillig.de

Der Biologe aus dem Wangerland ist nicht der einzige, der im Winter geführte Touren anbietet. Carsten Heithecker geht auf Spiekeroog ganzjährig ins Watt. Bei seiner Wanderung mit „ökologisch-naturwissenschaftlichem Schwerpunkt“ erläutert er, wie Sturmfluten und Eisgang das Leben im Wattenmeer beeinflussen. Zusätzlich macht er auf Umweltgefahren und Schutzmaßnahmen aufmerksam. Die Führung für Erwachsene und Kinder ab acht Jahren dauert etwa zweieinhalb Stunden. Am Montag, dem 13. Dezember erkunden die Teilnehmer wieder das Watt vor Spiekeroog. www.watt-erleben.de

In Butjadingen wird es romantisch. Matthias Schulz zeigt bei seiner „Sonnenuntergangswanderung“ das faszinierende Farbenspiel am Himmel und die Spiegelungen im Wattenmeer. Bei seiner Wattwanderung „WATT4KIDS“ werden schon Kinder ab 3 Jahren für das Watt begeistert. Auf einer altersgerechten Strecke werden Muscheln gesammelt und Wattwürmer ausgegraben. www.wattwanderung.de

Das Cux-Wattteam lädt zur Wattführung „Mit der Flut zum Festland“ ein. Bei der dreistündigen Tour vor der Küste Cuxhavens stehen die Gezeiten im Vordergrund. Die Teilnehmer begegnen gemeinsam mit dem Wattführer dem auflaufenden Wasser und sehen, wie es in die Priele strömt. Am Samstag, dem 17. Dezember findet die nächste Tour statt. Um vorherige Anmeldung wird gebeten. www.cux-wattteam.de

Im Winter ist die ungeheure Kraft des Windes und des Wassers zu spüren. Die Flut kann sogar doppelt so schnell strömen. Die Priele verändern ihren Verlauf. „Eine Wattwanderung zu dieser Jahreszeit ist also eine aufregende Angelegenheit!“, sagt Katja Benke von der niedersächsischen Dachorganisation Die Nordsee GmbH. Es empfiehlt sich jedoch warme, wetter- und wasserfeste Kleidung zu tragen.

Radfahren und Wattwandern an der niedersächsischen Nordseeküste

Flaches Land, gesunde Luft und die weitläufige Natur des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer laden Fahrradurlauber an die Nordsee ein: Sie radeln auf gut ausgeschilderten Routen vorbei an geringelten Leuchttürmen, alten Mühlen, historischen Gutshöfen und durch urige Fischerdörfer. Dort werden sie mit einem freundlichen „Moin Moin“ begrüßt und können sich mit üppig belegten Fisch- oder Krabbenbrötchen stärken. Von Emden im Westen bis Hamburg im Osten verläuft beispielsweise ein Abschnitt des Nordseeküsten-Radwegs, des wohl längsten beschilderten Radwegs der Welt. Er führt auf insgesamt 6.000 Kilometern durch sechs europäische Länder. Seine ostfriesischen Etappen auf autofreien Radwegen und abgelegenen Landstraßen sind auch für Hobbyradler und Familien geeignet.

Radeln entlang der Störtebekerstraße

Entlang der niedersächsischen Nordseeküste gibt es aber noch viele weitere Radrouten und Rundkurse: Bei Krummhörn etwa radelt man durch sogenannte Warfendörfer, vorbei an Häuptlingsburgen und alten Schlössern zum Campener Leuchtturm. Er ist Deutschlands höchster „Wegweiser“, man genießt eine spektakuläre Aussicht übers weite grüne Land. Auch von Wilhelmshaven aus lässt sich das beschauliche Friesland mit den hübschen Städtchen Hooksiel, Jever und Dangast erkunden. Rund um das Nordseebad Cuxhaven führen die Radwege über den Deich an der Elbmündung entlang. Mit einem Abstecher ins Hinterland lassen sich die Melkhüser entdecken, in denen der eigene Akku mit leckeren Milchspezialitäten aufgeladen werden kann. Unter www.reiseland-niedersachsen.de gibt es mehr Tipps und Informationen zu Touren.

Krebse, Muscheln und Wattwürmer

Bei einem Besuch an der ostfriesischen Nordseeküste sollte man eine Wattwanderung nicht verpassen, bei der man den einzigartigen Lebensraum Wattenmeer aus der Nähe erleben kann. Auf den ersten Blick erscheint der Meeresboden karg, doch bei näherem Hinsehen sind unzählige Garnelen, Einsiedlerkrebse, Muscheln und Wattwürmer zu sehen. Geführte Touren durchs Weltnaturerbe Wattenmeer führen beispielsweise in zweieinhalb Stunden von Neßmersiel bis zur Insel Baltrum oder in sportlichen sieben Stunden von Dangast zum Arngaster Leuchtturm. Spezielle Kinderwattwanderungen gibt es in Eckwarderhörne. Und beim „Nordic Walking im Watt“ reicht der Blick von Cuxhaven aus bis zur Insel Neuwerk.

Weihnachten in Husum zu Gast bei Theodor Storm

Das Warten auf die Weihnachtsfeierlichkeiten kann man mit einem besonderen Adventsangebot in Husum an der Nordsee verkürzen. Das Programm „Weihnachten zu Gast bei Theodor Storm“ lädt an den Adventssamstagen, 3. und 10. Dezember 2016 ein, die Heimatstadt des berühmten Dichters Theodor Storm literarisch und kulinarisch zu entdecken und zu genießen.

Der Nachmittag beginnt mit einer Lesung bei Kaffee und weihnachtlichem Gebäck, wie Theodor Storms geliebte Braune Kuchen. Ein Streifzug durch die festlich geschmückte Innenstadt Husums und der Besuch des Storm-Hauses in der Wasserreihe mit dem nach Storms Beschreibungen geschmückten Weihnachtsbaum schließen sich an. Im benachbarten, von Fackeln erleuchteten Garten werden die Gäste mit einem wärmenden Punsch – „Bischof“ genannt – empfangen. Dass Weihnachten für den berühmten Sohn Husums etwas ganz Besonderes war, hatte sicherlich auch damit zu tun, dass schon früher gerade in der Weihnachtszeit viel Wert auf gute Küche gelegt und keine alltäglichen Speisen und Leckereien aufgetischt wurden. Ihren Ausklang findet die Veranstaltung daher in geselliger Runde beim Buffet mit Leckereien und Köstlichkeiten, die ganz im Sinne des Dichters gewesen wären.

Wer gern als Theodor Storms Weihnachtsgast die Nordsee-Hafenstadt Husum entdecken und dabei auch die eine oder andere Köstlichkeit probieren möchte, muss sich nur noch für einen der beiden Termine entscheiden: Samstag, 3. und 10. Dezember 2016, jeweils ab 15.30 Uhr. Die Veranstaltung endet gegen 22 Uhr und kostet pro Person 66,90 €. Für Anmeldungen und telefonische Auskünfte steht die Tourismus und Stadtmarketing Husum GmbH unter Tel. 0 48 41 / 89 87 0 zur Verfügung. Für Gruppen können gesonderte Termine vereinbart werden.

Der Husumer Weihnachtsmarkt präsentiert sich auf dem Marktplatz in der Innenstadt reich geschmückt und festlich beleuchtet vom 21. November bis 27. Dezember 2016 (außer 25. Dezember) den Besuchern. Freuen kann man sich auch auf das einzigartige Husumer Weihnachtshaus mit großer Ausstellung und historischem Weihnachtsladen oder auf winterlichen Freizeitspaß mit Schlittschuhbahn und Eisstockschießen bei der Husumer Eiszeit in der Messehalle der Messe Husum & Congress (25. November 2016 bis 8. Januar 2017). Weitere Informationen zu allen Weihnachtsangeboten in Husum sind bei der Tourist Information Husum, Tel. 0 48 41 / 89 87 0 und unter www.husum-tourismus.de/weihnachtsmarkt erhältlich.

Auf den Spuren der geschichtsträchtigen Elbschifffahrt

Von Traumschiff-Flair und Kapitänsdinner keine Spur: Der Alltag auf den Elbfrachtschiffen des 18. und 19. Jahrhunderts war hart und arbeitsreich. Ob Lebensmittel, Salz oder auch Bauteile – so gut wie alles wurde auf dem Wasserweg über weite Distanzen transportiert. Von und mit der Elbe lebte schon damals die Bevölkerung der Stadt Lauenburg im Süden Schleswig-Holsteins. Bis heute prägt diese Historie das Bild des Ortes. Von Streifzügen durch die Natur über einen Bummel durch die gemütliche Altstadt bis zu sehenswerten Museen: Lauenburg ist zu jeder Jahreszeit einen Besuch wert.

Der „Rufer“ begrüßt Schiffe und Besucher

Die Geschichte der Elbschifffahrt ist in Lauenburg allgegenwärtig. Dies beginnt bereits mit der Begrüßung durch den „Rufer“, dem gleichnamigen Denkmal, das allen vorbeifahrenden Schiffen und Besuchern gewidmet ist. Beim Spaziergang durch die Altstadt mit ihren schmalen Gassen und den charakteristischen Fachwerkshäusern fühlt man sich in vergangene Epochen versetzt. Sehenswert ist etwa die Elbstraße im Zentrum mit Gebäuden aus dem 16. bis 19. Jahrhundert, die vom damals blühenden Geschäftsleben berichten. Wer mehr dazu erfahren möchte, kann ganzjährig im liebevoll eingerichteten Elbschifffahrtmuseum eine spielerische Zeitreise unternehmen. Mit Mitmachstationen, Filmeinblendungen und historischen Ausstellungsstücken ist an Besucher jeden Alters gedacht. Unter www.elbschifffahrtsmuseum.de und www.lauenburg-tourismus.de gibt es alle Informationen.

Ausflüge ins Naturschutzgebiet

Historie buchstäblich zum Anfassen präsentiert auch das E-Werk Lauenburg. Das mit Wasserkraft betriebene Elektrizitätswerk aus dem Jahre 1921 wird bis heute gepflegt und zeigt faszinierende Technik. Nicht minder fesselnd ist ein Blick auf die weite Natur rund um den Ort. Von Lauenburg aus gelangt man auf einer kleinen Wanderung direkt in das Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe und das Naturschutzgebiet Hohes Elbufer. Geführte Wanderungen zeigen regelmäßig die gesamten Schätze, welche die Natur hier zu bieten hat. Und wer diese Eindrücke von der Wasserseite aus abrunden möchte, kann historische Planken betreten: Der kohlebefeuerte Schaufelraddampfer „Kaiser Wilhelm“, gebaut im Jahr 1900 und größtenteils original erhalten, bricht als schwimmendes Museumsexponat regelmäßig zu Ausflugstouren auf. Spätestens dann fühlt sich der Besucher den Elbschifffahrern von einst ganz nah.

Unterwegs im herbstlichen Nolde-Land

Das Reetdach des Bauernhauses verschmilzt mit den dunklen, drohenden Wolken. Der Himmel darüber flammend orange. Letzte Blumenpracht in kräftigem blau und altrosa. Die Szene wirkt düster und dramatisch; gewiss überzeichnet – und trotzdem seltsam schön. Es ist ein Gemälde des Malers Emil Nolde, der in seiner nordfriesischen Heimat Motive fand, die er so malte, dass sie das Land auf eindrucksvolle Weise portraitierten. Ja interpretieren; denn oft zeigen seine Werke das, was man spürt unter dem hohen Himmel Nordfrieslands, in der einsamen Weite von Marsch und Koog. Gerade im Herbst, wenn das Sommersatte dem Abschiedhaften und Düsteren, dem Schaurigschönen des Herbstes weicht.

Es sind Bilder voller Mystik und Magie, die der Reisende bei herbstlichen Ausflügen im „Nolde-Land“ sieht. Emil Nolde lebte in unmittelbarer Nähe der dänischen Grenze, er hieß eigentlich Hansen und wurde im heutigen dänischen Ort Nolde geboren. Zeitlebens war er von dieser Landschaft Nordfriesland angetan, fasziniert – hier fand der Expressionist Motive in Fülle. So sind es Bilder und Eindrücke, die dem Gast, so er Noldes Bilder kennt, bekannt vorkommen: Warften vor hohem, wilden Himmel, Ziegelstein und Wolken in flammendem Rot, letzte Blütenpracht in kräftigen, strahlenden Farben. Nur ein Beispiel. Wer sich jetzt in Nordfriesland auf den Weg macht, findet Zeit und Raum, um seine Phantasie spielen zu lassen – findet Orte, wie Nolde sie kannte und in Szene setzte. Und wer dem irren Tanz der Stare beiwohnt, begeht einen Ausflug ins Traumhafte – auf den Spuren von Emil Nolde.

Wer Noldes Bilder noch nicht kennt, wird von den Farben und Landschaftsbildern des herbstlichen Nordfrieslands beeindruckt sein – wenn zum Beispiel die Abendsonne den Himmel in Szene setzt und die letzte Farbenpracht aufflammen lässt. Der Herbst ist die Zeit des Umbruchs; noch üppig, aber schon unwirtlich. Eine Zeit der Kontraste, so wie sie auf den Bildern Noldes oft zu sehen ist. Eine eigenartige Faszination geht von dieser einsamen Landschaft aus und diese Stimmungen hat niemand so ergreifend und einfühlsam festgehalten wie Emil Nolde. Es lohnt sich, nach einem Besuch des Museum der Nolde-Stiftung in Seebüll, auf Entdeckungsreise zu gehen.

Das Nordfriesische Festland ist auch das Land der Warften, noch heute zeugen Orts- und Hofnamen wie Carstenshallig und Bohnenhallig oder Ockholm (Holm bedeutet Insel) davon, dass dieses Land einst dem Rhythmus der Gezeiten unterworfen war. Die Zeit, zu der Nolde hier lebte und arbeitete, war auch eine Zeit des Umbruchs – das Land wurde zunehmend eingedeicht, entwässert und urbar gemacht. Oft fuhr Emil Nolde mit seiner Frau Ada mit dem Boot auf den Kanälen und kleinen Flüssen, die diese Gegend damals wie heute durchziehen; Seen und Siele bildeten seinerzeit jedoch ein viel größeres Labyrinth einer amphibischen Landschaft. Nolde war von dieser Landschaft fasziniert, sie inspirierte ihn immer wieder. Dieses „Urweltliche“ fand sich zu Noldes Zeiten hier in der weiten Marsch- und Kooglandschaft, in dem natürlichen Kräftespiel der Natur, zwischen Wasser und Land, zwischen Himmel und Erde. So, wie das Land dem Einfluss der nahen Nordsee damals deutlicher ausgesetzt war als heute.

Schärft das Licht einer späten, tiefstehenden Sonne die Kontraste und bringt letzte Farbenpracht zum glühen und leuchten, ist es endgültig Zeit für Mystik und Magie zwischen Gotteskoog-See und der Nordsee und anderswo, in weiten Teilen noch eine Gegend wie aus der Zeit gefallen; einsam und still, doch bisweilen voller Dramatik. Ruhig liegt das Wasser des Bottschlotter-Sees, darin spiegeln sich Wolkentürme, dann streicht Wind über die Riedflächen und auf dem Wasser zerfließen die Spiegelbilder zu abstrakten Motiven, erfinden sich neu in Zerrbildern, im Abstrakten. Am Ufer Bäume, die sich vor dem drohenden Himmel seltsam verbogen abzeichnen. Solche Bilder findet der Radfahrer – und mancherorts sieht man sie auch vom Kajak aus – irgendwo im Nirgendwo in den weiten Koog-Landschaften Nordfrieslands.

Dann wieder erreicht man kleine Dörfer, eng und geduckt stehen die Häuser auf den Warften. Dahlien und Sonnenblumen blühen in verschwenderischem Blau und Gelb, die Bauerngärten strotzen vor Farbe und die Gehöfte strahlen Ziegelrot – Bilder wie gemalt. In Farben wie Emil Nolde sie fand und nannte – Himmelblau, Silberblau, Gewitterblau und Feuerrot, Blutrot, Rosenrot. Doch die kühlen Böen von der nahen Nordsee künden schon von der drohenden, dunklen Jahreszeit; sie rascheln und rauschen durch Bäume und Büsche. Es ist Zeit und Ort für Ausflüge ins Traumhafte, wenn Wolken und Licht zu spielen beginnen und grandiose Naturbilder in diese Weite zaubern; es ist ein herrliches Gefühl einer gewissen Verlorenheit und eins zu sein mit einer phantastischen Natur hier unterwegs zu sein und sich treiben zu lassen.

Es wird Abend in der Wiedingharde und es beginnt eine Zeit der Phantasie und einer seltsamen Dämmerungserfahrung. Der Gotteskoog-See ist von Röhricht und Erlenwald umstanden, seltene Vögel leben hier. Das heutige Biotop entstand vor rund dreißig Jahren durch Renaturierungsmaßnahmen, es wird nun wieder so aussehen wie zu Noldes Zeiten – bevor große Teile der Landschaft trockengelegt und urbargemacht wurden. Wieder seine Bilder. In der Dämmerung ist es eine düstere Landschaft und von geheimnisvollen Gestalten bevölkert: Plötzlich taucht am Himmel über dem nördlichen Nordfriesland eine verrückte Traumgestalt auf.

Ein irres Luft-Ballett vor dem Licht der untergehenden Sonne – perfekte Wellenbewegungen, in sich drehend, nach oben rasend, nach unten stürzend. Wahnsinn; voll stürmischer Bewegtheit und plötzlich verschwunden in friedvoller Ruhe. Es bleibt nur Staunen. Synchron wie ein einzelner Organismus und doch sind es hunderttausende von Vögeln, die dieses einmalige Naturschauspiel über dem Himmel Nordfrieslands aufführen – es ist der Tanz der Stare. Die Vögel sammeln sich im Herbst über den Marschen an der Nordseeküste und an der Grenze zu Dänemark ist die Show vielleicht am spektakulärsten. Kleinere Aufführungen sind aber auch andernorts oft zu sehen. Die Stare leben tagsüber verstreut und treffen sich abends auf der Suche nach einem Schlafplatz zusammen.

Als die Dämmerung beginnt, treffen immer mehr Scharen dieser Vögel am Horizont auf, mehr und mehr verschmelzen sie, beinahe meint man ein Brausen und Rauschen zu hören. Atemberaubend und ein Gänsehautgefühl nicht nur wegen der abendlichen Kühle. Und dann beginnt der Tanz; es ist wild, es ist irre, es ist voller Poesie – es ist jenseits der Begreifbaren. Es sind diese geheimnisvollen Kreaturen und Bilder mit Tendenz zum Mystischen, so wie sie Nolde hier in der Wiedingharde fand und malte. Und dann ist dieses Bild der sagenhaften, riesenhaften Vogelgestalt plötzlich verschwunden wie ein Traum, den man nicht festhalten kann. Phantastisches Nordfriesland, wunderschönes „Nolde-Land“.

Auf einen Blick:

Nolde Stiftung Seebüll
Seebüll 31
25927 Neukirchen

Noch bis zum 30. November 2016 ist die 60. Jahresausstellung
„Emil Nolde – Das Spätwerk“ in Seebüll zu sehen.
Öffnungszeiten: täglich 10–18 Uhr

Telefon +49 (0)4664-983930, Telefax +49 (0)4664-9839329
www.nolde-stiftung.de, info@nolde-stiftung.de

Vogelzug –

Wer kennt schon das Odinshühnchen? Im Herbst rasten Millionen Zugvögel an der Nordseeküste Schleswig-Holsteins – und nicht wenige bleiben als Wintergäste. Wenn die großen Schwärme mit sehnsuchtsvollen Rufen fliegen oder Zehntausend Vögel auf den Wiesen stehen – dann ist das ein Naturschauspiel auf großer Bühne mit Gänsehautgarantie. Apropos: Gänse, die kennt man ja. Aber es gibt auch viele andere gefiederte Gäste; da lohnt es sich, einen genaueren Blick hinzuwerfen. Denn wer kennt es schon das Odinshühnchen? Oder das Wintergoldhähnchen:

Letzterer ist ein ganz Niedlicher und Christel Grave vom Verein Jordsand hat ihn in der vergangenen Saison am Ufer des Rantumbecken auf Sylt entdeckt – übrigens ihrer Meinung nach eines der besten Beobachtungsreviere an der ganzen Westküste. „Ich habe ihn im Gebüsch an der Landseite des Rantumbeckens entdeckt.“ Das Wintergoldhähnchen lebt im hohen Norden und zieht im Winter an die Nordsee. „Er ist der kleinste Vogel Europas“, sagt Christel Grave, „…und er ist so süß mit seinem lustigen Clownsgesicht und dem goldgelben Scheitelschopf!“ Grave betreut die nordfriesischen Schutzgebiete des Vereins Jordsand und ist häufig auf Sylt. Dort trifft man sie dann meist auf dem Damm, der das Rantum Becken umgibt. Fernglas um den Hals, das Spektiv in der Hand und immer auf der Suche nach einem gefiederten Star; sie lässt Gäste gern durchs Glas schauen. Vielleicht sind´s Schneeammern – von Grönland mal eben nach Sylt gezogen. Im Rantumbecken kann man natürlich auch Enten- und Gänsearten beobachten, die aus Sibirien oder Skandinavien kommen – im Winter gibt es hier allein zehn Entenarten! Zehn. Nein, langweilig wird es beim Vogelbeobachten auf Sylt sicher nicht. Das Nahrungsangebot ist dort gut und wenn bei Hochwasser die Vögel, die sonst im Watt nach Nahrung suchen, sich nahe des Dammes oder im Becken aufhalten, wird die Dichte noch größer. Dass man im Sommer am besten Vögel beobachten kann, ist übrigens ein Trugschluss, die Zeit des Vogelzuges ist die beste Zeit dafür – viele einheimische Arten sind noch da, manche Gäste sind aber schon eingetroffen. Das schafft diese faszinierende, überraschende Vielfalt. www.jordsand.de

Auch der Hauke-Haien-Koog ist ein idealer Platz zur Vogelbeobachtung – und ebenso künstlich geschaffen wie das Rantumbecken. Auch hier beobachtet Christel Grave vom Verein Jordsand, hat manchen Tipp, reicht wieder das Fernglas – und das da vorn sind Nonnengänse. Mit der schwarzen Haube und dem schwarzen Hals und dem schwarz-weiß gestreiften Gefieder sehen sie tatsächlich ein bisschen aus wie Nonnen. Und dahinten hat sie Silberreiher entdeckt – Silberreiher sind weiß, die anderen sind Graureiher. Und besonders anmutige Tiere tauchen im Sichtfeld auf – Schwäne. Und hier eben nicht nur die eine Sorte aus dem Stadtparkteich, sondern „…auch ein Singschwan. Er hat einen wunderschönen, tiefen, trompetenhaften Gesang.“ Beeindruckend. Auch an Enten gibt es am Hauke-Haien-Koog fast das volle Programm Man kann um die Speicherbecken herumfahren – und sieht immer wieder neue Arten. Eine Bekassine ist zu hören und vielleicht bald wieder ein Schwan. Manchmal ist es auch schön, nur dem Wind und den Vogelstimmen zu lauschen. www.jordsand.de

In der vergangenen Saison entdeckte der Nationalpark-Ranger Michael Beverungen etwas sehr Rätselhaftes: Eine Gans, die der Experte nicht bestimmen konnte – „…mit schwarzem Gefieder, hellen Wangen, kurzem Schnabel und orangeroten Füßen sah sie aus wie eine Mischung aus Nonnen- und Bläss- oder Zwerggans.“ Konnte das sein? Eine unbekannte Art im Vorland nahe Friedrichskoog, Dithmarschen? Zu entdecken gibt es beim Vogelkiek immer etwas; aber so was? Beverungen schickte ein Foto an seinen Rangerkollegen Martin Kühn. Und der Vogelexperte bestätigte, dass eine Nonnengans bei diesem Paarungsergebnis sicher eine Rolle gespielt hat. Und der andere Teil? Bleibt rätselhaft. Sicher aber Zwerg- oder Bläßgans; Wer da was mit wem hatte, das bleibt ein Geheimnis dunkler Dithmarscher Nächte. Überraschungen bei „Gänsesafaris“ also auch für Experten, für Urlauber dürfte eine solche Expedition in die einsamen Vorländer an der Elbmündung immer ein Erlebnis sein – der Tourismusservice Friedrichskoog führt Urlauber im Rahmen einer Safari auf die Spur der Nonnengänse. „Außerdem können wir hier auch die seltene Zwerggans und die schöne Rothalsgans sichten“, sagt Astrid Loges, „sogar einzelne Polarmöwen verirren sich manchmal hierher.“ Nonnengänse leben an der Küste des Eismeeres und erreichen Schleswig-Holstein in ihren langen Band- und V-Formationen je nach Wetterlage ab Ende September. „Unsere Gänsesafari führt Sie zu verschiedenen Futterplätzen im Vorland, an denen Naturliebhaber bis zu Zehntausend Gänse vom Deich aus mit Ferngläsern und Spektiven beobachten können.“ Hier können sich die Gäste auch selbst als Vogelzähler versuchen und mit einer Zähluhr die Größe des Schwarms ermitteln – die Ranger erklären, wie das geht. Zu hören ist nur das Gänsegeschnatter und das ewige Lied des Windes. Und wieder zieht ein langes Band in V-Formation heran, dreht Kreise und lässt sich nieder. Und wer weiß, welcher Überraschungsgast wieder dabei ist. Auch die Ranger werden wieder ganz genau hingucken. Termin Gänsesafari: 26. Oktober, 12 Uhr, Tourismusservice Friedrichkoog, eigener PKW erforderlich, Kosten 12,-€ p.P. www.friedrichskoog.de

„Helgoland ist der Ort in Europa mit der größten Anzahl an Vogelarten! Aktuell 433 Arten haben Vogelbeobachter bisher notiert. Wer an wenigen Tagen möglichst viele Arten sehen möchte, sollte im Oktober kommen“, sagt Jochen Dierschke, Technischer Leiter der Inselstation des Instituts für Vogelforschung „Vogelwarte Helgoland“ und selbst leidenschaftlicher Vogelbeobachter. „Dann nämlich, im Oktober, gipfelt der Herbstzug und es können über 100 Vogelarten an einem Tag beobachtet werden. Die kleine Insel ist ein wichtiger Trittstein für die lange Reise von der Arktis bis nach Afrika – sie liegt in einem Hauptzuggebiet“, erklärt Dierschke. Und zwar für Zugvögel auf dem Flug über die Nordsee zur Zwischenlandung, zum „Auftanken“ und bei schlechtem Wetter als Notlandeplatz. Die Arten, die Dierschke aufzählt, sind andere als an der Westküste. Rot- und Singdrossel aus den skandinavischen Wäldern sind es, die in den Gebüschen auf Helgoland rasten. Wiesenpieper, Braunkehlchen und Steinschmätzer nutzen dagegen die Helgoländer Wiesen auf dem Zwischenstopp. „Unter den häufigen Durchzüglern lassen sich immer wieder auch in Deutschland sehr selten auftretende Arten finden, die auf dem Zug in eine falsche Richtung geflogen sind. Dies können Goldhähnchen-Laubsänger und Spornpieper aus Sibirien sein – das Salz in der Suppe für viele Vogelbeobachter.“ Vogelbeobachter kommen im Herbst in ebensolchen Scharen nach Helgoland wie die Vögel selbst, vor allem zu den Helgoländer Vogeltagen im Oktober. Da findet auch das alljährliche „Birdrace“ statt –Zählen um die Wette. Jochen Dierschke macht auch mit. „Wenn die Sonne aufgeht, wimmelt es in den Büschen, gleichzeitig ziehen Vögel über einen rüber oder weit draußen auf See – man weiß gar nicht, wo man zuerst hingucken soll.“ Wichtiger Faktor für das Beobachter-Glück ist das Wetter: „Eine besonders hohe Anzahl an Arten und Individuen gibt es, wenn in den Aufbruchsgebieten der Zugvögel gutes Wetter ist und die Vögel über der Nordsee in schlechtes Wetter geraten. Bei solchen Wetterlagen fallen nachts oft viele Tausend Vögel auf der Insel zur Rast ein.“, erklärt Jochen Dierschke. Den Vogelzug kann am besten vom Mittelland aus erleben, während die Rastvögel sich im Herbst gerne an den Stränden von Insel und Düne aufhalten. An guten Zugtagen kann man aber überall auf der Insel Vögel beobachten. www.vogelwarte-helgoland.de ; www.helgoland.de

Stampede im Speicherkoog – in wildem Galopp rast eine Herde urtümlicher Pferde über die weiten Flächen des Naturschutzgebietes „Wöhrdener Loch“. Von der schmalen Straße in dieser einsamen Gegend zwischen Meldorf und der Nordsee geht der Blick auf wilde Weiden, auf Teiche und Röhrichte. Was aussieht wie eine ursprüngliche Landschaft, ist in Wirklichkeit eine künstlich geschaffene Welt – vor gut 40 Jahren wogten hier noch die Nordseewellen, dann wurden Watt und Salzwiesen eingedeicht: der Speicherkoog entstand. Die Konik-Pferde beweiden zusammen mit Schafen und Rindern die für den Naturschutz wertvollen Wiesen und tragen damit auch zum Vogelschutz bei. Die Freiwilligendienstler von der NABU-Station „Wattwurm“ haben einige Tipps für das Naturerlebnis Vogelzug im Herbst. „Ich empfehle einen Besuch am NSG Wöhrdener Loch“, sagt BfDlerin Jule Heinz-Fischer, „das fast 500 Hektar große Gebiet ist mit seinen Salz- und Süßwiesen sowie den Wasserflächen ein ideales Rastgebiet für eine große Bandbreite an ziehenden Vögeln, zum Beispiel Goldregenpfeifer und Alpenstrandläufer. Mit dem fortschreitenden Wandel von Salz- zu Süßwasservegetation wandelte sich auch der Vogelbestand von reinen Küstenvögeln hin zu Wiesenbrütern wie zum Beispiel Feldlerche, Kiebitz und Uferschnepfe.“ An den Wasserflächen lassen sich nahezu alle europäischen Entenarten aber auch der Große Brachvogel oder die Pfuhlschnepfe beobachten. Außerdem hat sie noch einen Tipp für Naturfreunde, die speziell ziehende und rastende Singvögel beobachten – und hören – möchten: „Dann besuchen Sie das Naturschutzgebiet Kronenloch. In den Randbereichen ziehen die Sanddornbüsche mit ihren reifen Beeren im Herbst die aus dem Norden stammenden Rot- und Wacholderdrosseln magisch an.“ Ach, übrigens: „Auf einer Schafweide unter dem Deich zwischen dem Wöhrdener Loch und dem Kronenloch gibt es ein Flachgewässer namens Odinsloch“, verrät Jule. Und dort rastet – Nomen est Omen – das eingangs erwähnte Odinshühnchen! www.echt-dithmarschen.de

Tipp:
Vögel „kieken“ beim Westküsten-Vogelkiek
Wer sich auf die Suche nach dem Odinshühnchen und all seinen gefiederten Kollegen machen will, hat dafür beste Möglichkeiten beim Westküsten-Vogelkiek vom 29. September bis 3. Oktober 2016. An diesem langen Wochenende nehmen die Vogelexperten der Westküste Vogelfans und solche, die es noch werden wollen, mit auf diverse Beobachtungstouren.
Von Sylt über die Hamburger Hallig bis Friedrichskoog, zu Fuß, mit dem Fahrrad oder auch als Tagestour mit dem Bus: bei über 25 verschiedenen Veranstaltungen entlang der schleswig-holsteinischen Nordseeküste findet sicher jeder seinen Lieblingsvogel. Weitere Informationen und eine Übersicht über das gesamte Programm gibt es hier: www.westkuesten-vogelkiek.de

30. Dithmarscher Kohltage 2016 vom 20. bis 25. September 2016

Vor 30 Jahren rief Peter Quirin gemeinsam mit Weggefährten die Dithmarscher Kohltage ins Leben. Der Vater der Dithmarscher Kohltage wollte etwas Nachhaltiges für die Region schaffen und die Stärken des Westküstenkreises betonen. Seitdem feiern die Dithmarscherinnen und Dithmarscher mit Gästen in der dritten vollen Septemberwoche dieses Erntefest der besonderen Art. Denn die Kohltage sind auch eine Liebeserklärung an das Nationalgemüse und die Region.

Kreispräsident Hans-Harald Böttger gratuliert zum runden Geburtstag: „Dank der Dithmarscher Kohltage lernen Gäste neben regionalen Spezialitäten auch unsere Region sowie die Gastfreundschaft der Dithmarscherinnen und Dithmarscher kennen. Besonders danke ich den Gaststätten, die sich an der Veranstaltung mit ihren Kreationen beteiligen, sowie den jährlich wechselnden Landwirtschaftsbetrieben, die für das Anschnittsfest ihren Hof zur Verfügung stellen: Sie werben für Produktqualität und für unsere Region.“

Landrat Dr. Jörn Klimant fügt hinzu: „Dreißig Jahre Engagement für die Dithmarscher Kohltage etablierten das Produktfest zu einer überregionalen Marke. Dass die Kohltage weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt sind, dies haben wir den vielen Aktiven zu verdanken, die so gut anpacken und Ideen beisteuern: Ganz herzlich danke ich dafür den Organisatoren, Sponsoren, den Verbänden sowie den Städten und Gemeinden.“

Geburtsstunde der Dithmarscher Kohltage

Am Anfang standen die Fragen: Was sind Dithmarschens Stärken und was zeichnet die Region aus? Für Peter Quirin, Mitte der 80er Jahre Gesellschafter einer PR-Agentur, lag die Antwort nah: Mit rund 80 Millionen jährlich geernteten Kohlköpfen gilt Dithmarschen als größtes zusammenhängendes Kohlanbaugebiet Europas. Der Kohl war schnell als Markenzeichen für die Region gefunden. Als Vorbild für das Produktfest an der Westküste diente das Oktoberfest in München.

Peter Quirin brachte seine ganze Erfahrung als Unternehmer ein und nutzte seine Kontakte, um die Dithmarscher Kohltage mit Leben zu füllen: „Am Anfang musste ich viele Hürden überwinden. Zunächst mochte niemand daran glauben, dass ein Produktfest in Dithmarschen gelingen könnte. Viele sagten, das sei zu teuer und man finde keine Unterstützer.“

Von diesen Zweifeln ließ sich der gebürtige Hamburger nicht entmutigen. Quirin hielt an seiner Vision fest: „Die Dithmarscher Kohltage sollten alle Gewerke und Unternehmen, von der Landwirtschaft bis zur Kultur, aus der Region verbinden, getragen von der ehrenamtlichen Arbeit, um Gäste für Dithmarschen zu begeistern.“

An das erste Anschnittsfest 1987 auf dem Versuchsfeld der Gemüsezucht-Genossenschaften in Marne (heute Rijk Zwaan Marne GmbH) erinnert sich Quirin noch sehr gut: „Wir waren fünf Leute und standen bei strömendem Regen auf dem matschigen Kohlfeld. Anschließend feierten wir den Anschnitt in einer Gaststätte.“

Nach dieser verregneten Premiere wuchsen die Dithmarscher Kohltage kontinuierlich an. Zunächst begann man das Anschnittsfest und die Eröffnungsfeier an wechselnden Orten im Kreisgebiet. Die erste Kompaktveranstaltung fand 2003 auf dem Hof der Familie Ufen in Karolinenkoog statt. Seitdem feiert man die Eröffnungsfeier und den Anschnitt auf einem ebenso jährlich wechselnden Anschnittshof. Und heute kommen tausende Besucherinnen und Besucher aus nah und fern zum Anschnittsfest.

Die Dithmarscher Kohltage leisteten auch Pionierarbeit. „Die Kohltage wurden selbst zum Vorbild für weitere norddeutsche Produktfeste“, erklärt Quirin.

Heute blickt der „Vater“ der Dithmarscher Kohltage positiv auf die Entwicklung: „Für mich sind Dithmarschen und die Kohltage heute untrennbar miteinander verbunden. Ich freue mich besonders über die Vielfalt und das große ehrenamtliche Engagement in den Städten und Gemeinden.“

Kohlregentinnen: Die Charmeoffensive für den Kohl

Traditionell repräsentieren seit 1988 zwei Kohlregentinnen die Dithmarscher Kohltage. Aktuell sind Maren Glatter (Maren I.) und Silke Nöhren (Silke I.) im Amt.

Silke Nöhren sagt: „Mit der Kohlregentschaft erfülle ich mir einen lang gehegten Traum. Denn seit meiner Kindheit stellen die Kohlregentinnen etwas Besonderes dar und stehen auch für meine Heimat Dithmarschen.“

Maren Glatter hat während ihrer Amtszeit viele positive Eindrücke gesammelt: „Es sind neue und interessante Kontakte entstanden. Und die Leute freuen sich auch immer, wenn sie uns als Kohlregentin sehen, und nehmen uns besonders herzlich in Empfang.“

Die Kohlregentinnen haben nicht nur während des Herbst-Events Saison, sondern sie sind als Werbeträgerinnen überregional unterwegs wie auf der Grünen Woche in Berlin oder als Gast auf bundesweiten Produktfesten. Es gibt zwei Regentinnen, damit sie sich besser untereinander die Termine und das gesamte Kreisgebiet aufteilen können. Die Amtszeit dauert zwei Jahre.

Das Amt erinnert an Dithmarschens Geschichte als Bauernrepublik. Seit dem späten Mittelalter bis 1559 trafen Regenten aus den Reihen der wohlhabenden Bauern in den Dithmarscher Kirchspielgemeinden Entscheidungen über die Zukunft der Region.

Die Kleider wurden speziell für die Dithmarscher Kohltage entworfen. Sie nehmen die Farben Rot und Weiß des Kreiswappens auf. Auch enthalten sie Details ursprünglicher Bauernkleidung wie den Gürtel: Mit der Knopfanzahl zeigte die Trägerin die Hektargröße ihres Hofes an: Ein Knopf steht dabei für zehn Hektar. Die Kleidung wird heute von der Schneiderin Elfriede Hayn aus Kuden angepasst und gepflegt.

Der Regentinnenstieg in Marne: „Walk of Kohl“

Hollywood in Marne? Statt eines „Walk of Fame“ in Los Angeles gibt es zu Ehren der Kohlregentinnen den Regentinnenstieg in Marne. Der Regentinnenstieg in der Steinstraße feiert zum 30. Geburtstag Premiere. Zukünftig sollen alle Kohlregentinnen mit einer Bodenfliese aus Spezialton verewigt werden mit Namen, Heimatort, Amtszeit sowie einem individuellen Motiv.

„Mit dem Stieg würdigen wir die Regentinnen, die entscheidend zum Erfolg der Kohltage beitragen. Auch zeigt die Nennung der Wohnorte, wie bekannt und weit verbreitet die Veranstaltung in unserer Region ist“, erklärt Frank Eschenbach, Leiter des Fachdienstes Bauverwaltung und Stadtentwicklung des Amtes Marne-Nordsee.

Die Regentinnen gestalten ihr eigenes Motiv. „Dies verleiht den Tafeln eine unverwechselbare Note“, so Frank Eschenbach. Dieser individuelle Entwurf wird von der Töpferei Claußen in Brunsbüttel umgesetzt, mit keramischen Farben bemalt und glasiert. Jedes Jahr soll zur Eröffnung des Marner Stadtfestes eine weitere Platte hinzugefügt werden.

Außerdem wird an einer Hauswand in der Steinstraße eine Informationstafel zu den Regentinnen, der Tracht und den Kohltagen erstellt.

Der Regentinnenstieg wurde von der Stadt Marne und dem Gewerbeverein Marne initiiert. Die Kosten für die Produktion und die Einsetzung der Tonplatten teilen sich der Verein zur Förderung Dithmarschens, die Stadt Marne und der Gewerbeverein Marne.

Fakten rund um das Nationalgemüse

Dithmarschen ist Europas größtes zusammenhängende Anbaugebiet für Kohl: Auf rund 3.000 Hektar gedeihen jährlich rund 80 Millionen Kohlköpfe. Der Marschboden und das milde Klima an der Westküste schaffen ideale Bedingungen für das vitamin- und mineralstoffreiche Gemüse. Circa 280 landwirtschaftliche Gemüseanbaubetriebe gibt es in Dithmarschen. Rund 217.000 Tonnen Kohl reifen auf den Dithmarscher Feldern. Weißkohl wird am meisten angebaut. Außerdem wachsen Rotkohl, Wirsingkohl, Blumenkohl, Rosenkohl und weitere Kohlarten wie Chinakohl, Brokkoli sowie Grünkohl und Kohlrabi auf Dithmarschens Feldern.

Im Januar 2014 wurde der Weiß- und Rotkohl aus Dithmarschen in das EU-Qualitätsregister für landwirtschaftliche Produkte aufgenommen und darf das Gütezeichen „g.g.A.“ (geschützte geografische Angabe) tragen.

Eduard Lass – Pionier des Kohlanbaus

Der Wesselburener Gärtner Eduard Lass (1859 – 1924) begründete den flächendeckenden Kohlanbau in Dithmarschen und bewies neben Forschergeist auch viel Geschäftssinn. Er experimentierte um 1889 mit dem Kohlanbau bei dem Gutsbesitzer Schröder. Dabei fand Lass heraus, dass der Marschboden und das Klima an der Westküste ideale Bedingungen für den Kohlanbau bieten. Lass vereinbarte 1890 mit der Marineverwaltung einen Liefervertrag über eine größere Menge an Weißkohl. 1892 gründete Lass das erste Gemüseversandgeschäft. Der Wesselburener Gärtner und Schröder bauten auf 50 Hektar Gemüse an und verkauften dies mit Gewinn in ganz Deutschland.

Seit dem 17. August 2012 steht das Ehrenmal für Eduard Lass am KOHLosseum in Wesselburen. Das Werk „Der Sämann“ aus Muschelkalk wurde vom Hamburger Bildhauer Professor Arthur Bock (1875 bis 1957) gestaltet. Auch erinnert eine Tafel an die Leistung des Gärtners Eduard Lass und damit an die Geburtsstunde des Kohlanbaus in Dithmarschen.

Weitere Informationen über die 30. Dithmarscher Kohltage und das gesamte Veranstaltungsprogramm gibt es unter www.dithmarscher-kohltage.de.

Nordsee – Urlaub nach der Saison

An der Nordsee Schleswig-Holstein herrscht in den Ferienmonaten im Sommer reges Treiben. Eisdielen, Strandkorbvermieter und Surfschulen freuen sich über die vielen Gäste. Doch was passiert eigentlich, wenn der Trubel vorbei ist, es leiser wird, wenn Ruhe einkehrt an der Nordsee?

„Nach den Sommerferien wird es für alle wieder entspannter, auch für die Gäste“ weiß Daniel Meyer, Projektmanager Natur- und Gesundheitstourismus bei der Nordsee-Tourismus-Service GmbH und sagt, dass sich in den Ferien die Einwohnerzahl mancher Inseln und Orte an der Küste vervielfache. „Wenn eine Insel, wie z.B. Sylt mit rund 15.000 Einwohnern im Sommer ausgelastet ist, tummeln sich etwa 130.000 Übernachtungs- und Tagesgäste zwischen Hörnum und List. In dem sonst so beschaulichen Fischerdorf Büsum mit 5.000 Einwohnern genießen ca. 15.000 Menschen den Blick vom Deich auf das Wattenmeer. Da ist schon richtig was los,“ beschreibt der Touristiker den sommerlichen Gästeansturm.

Doch gerade wenn es leise wir, wenn etwas Ruhe einkehrt an den Stränden, entfaltet die Nordsee ihre besonderen Reize. Zeit zum Durchatmen für Einheimische und Gäste. „Viele mögen es gar nicht so sehr, wenn es zu voll wird. Leute, die Ruhe suchen, sollten besser die Ferienzeiten meiden,“ rät Meyer. Im September und Oktober sind die Tage noch relativ lang und die Temperaturen mild. Aktivitäten im Freien sind auch noch am Abend möglich. So sind zum Beispiel Wattwanderungen im UNESCO Welterbe Wattenmeer, Vogelbeobachtungstouren im Nationalpark und Strandspaziergänge in der Abenddämmerung beliebt. Wenn das Wetter mal nicht so mitspielt, bieten die Wellness- und Gesundheitszentren wohlig-warme Alternativen zum Aufenthalt im Freien. Saunalandschaften, Schlickanwendungen und Meerwasserbäder sind die Wahl vieler Besucher. Sie sind gesund und entspannen Kopf und Körper.

Für alle, die sich schon nach dem Herbst an der Nordsee sehnen, hat Daniel Meyer interessante Reisetipps für den leisen und entspannten Spätsommer- und Herbsturlaub an der Nordsee verraten.

Westküsten Vogelkiek
Der Westküsten-Vogelkiek vom 29. September bis zum 03. Oktober 2016 bietet mit seinen Veranstaltungen vielfältige Möglichkeiten, diese spektakulären Vogelansammlungen mit fachkundiger Begleitung zu entdecken und zu erleben. Jedes Jahr laden die Naturschutzverbände und die Nationalparkverwaltung rund um das erste Oktoberwochenende dazu ein, gemeinsam auf Vogelkiek zu gehen, um den Geheimnissen der Vögel auf die Spur zu kommen.
www.westkuesten-vogelkiek.de

Nordsee Urlaubsglück im Herbst
In der Ruhe liegt das Glück! Fasten, Wellness, Yoga – sind die Glücksfaktoren für Erholung und Entspannung. Eine Zusammenstellung von Reiseideen u.a. Kurzreisen und längere Arrangements mit gesunden, spirituellen und natürlichen Aspekten finden sich unter:
www.nordsee-urlaubsglück.de

Thalasso – die Heilkraft aus dem Meer
Die Gesundheitszentren und Wellnesshotels an der Nordseeküste nutzen bei Thalassotherapien die Heilkraft des Meeres für die wohltuenden Anwendungen. Eine Übersicht über die zahlreichen Massagen, Bäder und Kosmetikanwendungen finden Erholungssuchende im Nordsee Vital Kompass unter:
www.nordsee-vitalkompass.de.

Watt erleben, wenn es regnet
Im Nationalpark-Zentrum Multimar Wattforum in Tönning kann man trockenen Fußes die faszinierende Tier- und Pflanzenwelt des Wattenmeeres erleben. Mehr als 280 Arten von Fischen, Krebsen, Muscheln und Schnecken können hier aus nächster Nähe beobachtet werden. Vor der Panoramascheibe des 250.000-Liter Aquariums sehen die Besucher, wie die Meeresbewohner gefüttert werden.
www.multimar-wattforum.de

Entspannung bis zum Horizont
Eine Stille der etwas anderen Art empfindet man bei einer Schiffstour. So bietet die Familie Hellmann mit ihrer MS Gebrüder von der „Hooger Fähre“ aus Fahrten zum Norderoogsand oder den Seehundsbänken an. Hier, direkt auf den Meereswellen, zeigt sich die Kraft der Elemente mit rauen Winden, spritzender Gicht und dem Geruch nach Abenteuer und Weite. Auch auf der MS Nordfriesland kann man die Nordsee hautnah erleben und die faszinierende Landschaft des nordfriesischen Wattenmeeres ganz aus der Nähe betrachten.
www.faehre-pellworm.de und www.pellworm.de

Spaziergang für die Sinne
Der Husumer Stadtteil Schobüll bietet eine einzigartige Landschaftsvielfalt. Besonders ist die Lage zwischen Watt und Wald und dem einzigen deichfreien Abschnitt entlang der schleswig-holsteinischen Nordseeküste. Auf einem ca. 1 – 1,5 stündigen Spaziergang ist Zeit, um die Natur zu hören, zu riechen und zu schmecken.
www.husum-tourismus.de

Hörnum bei Nacht
Diese Nachtwanderung vermittelt eine ganz besondere Stimmung. Am Strand und in den Dünen im Sylter Süden geht es mit der Schutzstation Wattenmeer auf Erkundungstour. Bei dieser Tour können Schiffe und Bojen am Horizont, die Stimmen verschiedenster Vögel und manchmal das Meersleuchten auf besondere Weise erlebt werden.
www.schutzstation-wattenmeer.de

Besondere Wattwanderungen
Auf dem Festland, den Inseln oder den Halligen sind Wattwanderungen ein Muss im Nordseeurlaub. Mit Krabbenfischen, mit dem Hund, im Sonnenuntergang oder mit Grillen und Schiffsfahrt sind viele spannende Exkursionen im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer auf die Vorlieben der Gäste zugeschnitten.
www.naturerlebnisfinder.de

Mehr Informationen zum Urlaub an der Nordsee Schleswig-Holstein unter www.nordseetourismus.de

Der Lorendamm zeigt den Weg nach Nordstrandischmoor

Die Sonne hat den Nebel aufgelöst, letzte Wolken segeln mit dem Sommerwind über die Nordsee nach Westen. Dort liegt die Hallig Nordstrandischmoor, fünf Gehöfte auf vier Warften, geduckt unter dem hohen Horizont Nordfrieslands. Ein interessantes, außergewöhnliches Ziel! Die Halligen sind etwas Einzigartiges und im Juli und August zur Blüte des Halligflieders ein Naturspektakel ersten Ranges – dann leuchtet die Hallig violett.

„Man kann entweder mit den Ausflugsschiffen von Nordstrand oder Pellworm auf die Hallig reisen – oder man geht durchs Watt“, sagt Nationalpark-Führerin Ruth Hartwig-Kruse. Sie führt eine Gruppe vom Beltringharder Koog westlich von Bredstedt hinaus und hinüber zur Hallig. „Mit der Lorenbahn dürfen nur Übernachtungsgäste fahren“, dämpft sie die Hoffnung der Faulen. Denn: „Der erste Teil des Watt besteht aus Schlick.“ Das ist – zugegeben – ein beschwerliches Stück Arbeit, auf fünfhundert Metern sinkt man manchmal bis zu den Knien ein.

Doch die Tour in Sichtweite des Lorendammes lohnt sich nicht nur allein wegen des Besuches von Nordstrandischmoor. Das Schlimmste wird schnell überwunden sein, aus Schlickwatt wird bald Sandwatt werden, fester Boden. „Also los“, sagt Ruth, „wir gehen in einem nördlichen Bogen auf die Hallig zu.“ Ruth Hartwig-Kruse stellt auf der Tour auch die „Small Five“ vor, die kleinen Stars vom Meeresboden. „Wattwurm, Herzmuschel, Strandkrabbe, Wattschnecke und Nordseegarnele sind die bedeutendsten und typischen Lebewesen hier im Watt“, sagt Ruth, „sie sind an den ewigen Rhythmus von Trockenfallen und Überfluten ebenso angepasst wie an Hitze und Kälte.“ Und das auf großer Bühne: Das verbliebene Wasser glitzert unter der Sonne wie geschmolzenes Silber, dazwischen endloser Meeresboden, ganz hinten die Hallig, ein paar Möwen schreien sehnsuchtsvoll – und eine Treppe führt hinunter ins große, weite Nichts. Wirklich nichts?

„Was auf den ersten Blick aussieht wie öder Matsch, ist nach dem tropischen Regenwald der produktivste Lebensraum auf der Erde“, erklärt Ruth, „schauen Sie hier; die kleinen, schwarzen Punkte – das sind Wattschnecken. Die grasen die Kieselalgen ab, die auf dem Wattboden wachsen. Und von den Wattschnecken wiederum ernähren sich Vögel und Fische.“ Den knietiefen Schlick haben die Wattwanderer längst vergessen; stapfen mit schmatzendem Schritt nach Westen. Und warten auf das, was Ruth wieder ausgräbt.

Der Weg folgt rot-weißen Stöcken, die in den Wattboden gerammt sind. „Das sind Pricken“, erklärt die Wattführerin, „sie markieren den sicheren Weg nach Nordstrandischmoor und zurück aufs Festland.“ Trotzdem sollte man sich besser einer Führung anschließen. Die größte Gefahr bei einer solchen Wanderung ist Nebel und damit verbundene Orientierungslosigkeit – auch heute Morgen zog plötzlich Nebel auf und binnen Minuten versankt die Welt in feuchter Finsternis. Jetzt brennt die Sonne von einem wolkenlosen Himmel und links ist als schmaler schwarzer Strich der Lorendamm zu erkennen, darauf rumpelt ein seltsames Gefährt Marke Eigenbau mit einem Anhänger. „Mit diesen Schmalspurbahnen transportieren wir Halligbewohner“, Ruth Hartwig –Kruse stammt von und lebt auf Nordstrandischmoor, „alles was wir dort brauchen: Lebensmittel und Traktoren zum Beispiel, Heizöl und Post. Aufs Festland fahren unsere Schafe und auch der Abfall.“ Als der Lorendamm vor einigen Jahren erhöht wurde – und seitdem auch bei Hochwasser befahrbar ist -, begann die Verschlickung der ersten Etappe. Die Flut hat nicht mehr genügend Kraft, diese feinen Sedimente abzuräumen.

Trotzdem weiter, denn es ist spannend und anders kommen wir heute eh nicht hin. Aber das Stapfen im Schlick ist bald vorbei, nach Überquerung eines Priels wird der Untergrund zunehmend fester. „Wir laufen nun auf Sandwatt.“ sagt die Wattführerin und gräbt mit der Forke einen Placken Wattboden aus, Ruth sucht den Wattwurm. „Der Wattwurm frisst Sand und ernährt sich von den Kleinstlebewesen, die darin leben.“ Die „Sandspaghetti“, die er ausscheidet, sind also biologisch gereinigter Sand. „Und die weißen Muschelschalen stammen von der Herzmuschel. Sie können Hell und Dunkel unterscheiden“, erklärt die Wattführerin. Nachdem wir sie ausgegraben haben und vorsichtig in eine Pfütze legen, gräbt sie sich wieder ein.

Die Gruppe erreicht eine Pricke, an der die Gelb-Rot-Blaue Friesenflagge weht. „Lieber tot als Sklave“ steht darauf stolz geschrieben. Ruth erzählt ein wenig Geschichte. „Als die zweite Manndränke 1634 die alte Insel Strand endgültig zerschlug, blieben neben den Inseln Nordstrand und Pellworm nur die beiden Halligen Südfall und Nordstrandischmoor übrig.“ Zwei Pensionen bieten auf Nordstrandischmoor eine Hand voll Gästebetten an. Und eine gemütliche Gaststube wartet nachher auf die Gäste. Ansonsten: Ganz weit weg vom Rest der Welt. Und trotzdem mit dem Lorendamm innerhalb zwanzig Minuten damit verbunden. Nun rumpelt ein Miniaturzug in die andere Richtung. „Jede Familie und die Schule hat eigene Loren“, sagt Ruth, „und auf halber Strecke ist eine Ausweichstelle.“

Auch die Gruppe hat halbe Strecke. Wieder lenkt Ruth den Blick nach unten. „Diese leere Hülle stammt von der Strandkrabbe. Wenn ihr der Panzer während des Wachstums zu eng wird, wirft sie ihn ab und bildet innerhalb weniger Tage einen neuen.“ Erneut wird ein Priel gequert, sie drückt einigen Teilnehmern einen Kescher in die Hand. „Versucht euer Glück!“ Noch eilt das Wasser der Nordsee hinterher, doch im ewigen Rhythmus der Gezeiten wird sich das Meer bald umdrehen und alles wieder tiefer ertränken, als der größte Mann groß ist. Der Junge hat was gefangen: „Die Nordseegarnele gehört auch zu den Small Five – wir kennen sie als Krabbe. Sie schmeckt nicht nur uns Menschen auf dem Brötchen, sondern sie ist wichtige Nahrungsgrundlage von Jungfischen – das Watt wird nicht umsonst die Kinderstube der Nordsee genannt.“

Nun ist die Hallig plötzlich nahe gerückt, vorn leuchtet eine helle Sandbank im dunklen Watt, dahinter ist das grüne Vorland zu erkennen – und darüber die Häuser wie an einer Perlenkette aufgereiht. Doch die Perspektive täuscht, noch ist es ein gutes Stück Weg dorthin. Wir kommen auf der Sandbank zügig voran. Dann stehen wir vor dem letzten Priel, links sind vor dem Lorendamm Holzpfosten mit Flechtwerk zu erkennen. „Diese Lahnungsfelder beruhigen das Hochwasser, damit sich die Sedimente absetzen können – allmählich bildet sich so neues Land und schützt unsere Hallig vor den Angriffen der Nordsee bei Sturmflut“, erklärt Ruth. Vor uns erstreckt sich plötzlich ein See, den die Strömung ausgekolkt hat. Ob man da nicht Baden kann?

Doch für Wattwanderer ist die Zeit begrenzt. Der ganze Weg muss zurückgelaufen werden. Die Lorenbahn bleibt für normale Besucher tabu (es sei denn, man hat ein Zimmer auf der Hallig gebucht). Alle anderen müssen die Uhr im Auge behalten, denn das Meer wartet nicht. Inzwischen haben wir die ersten Holzpfostenreihen erreicht und klettern vorsichtig herüber. Schon laufen wir über vom Meer abgerungenem Gebiet. Nicht mehr See, noch nicht Land – eine merkwürdige, amphibische Zwischenwelt. Abgegrenzt in saubere Quadrate, doch des Menschen Eigentum noch lange nicht. „Geht langsam – auf dem Boden sind Kieselalgen. Zusammen mit der Feuchtigkeit ist das wie Glatteis!“

Der nasse Boden glitzert in der Sonne, die Menschen darauf scharf wie ein Scherenschnitt vor dem gleißenden Licht. Langsam erreichen wir festen Boden; es ist ein unscharfer Übergang. Nach der letzten Buhne stehen wir auf einem staubtrockenen, sandigen Trampelpfad. Strandnelken wippen im Sommerwind, Austernfischer steigen empört auf. Bald erreichen wir den rostigen Schienenstrang der Lorenbahn und laufen an der Eisenbahn entlang zum kleinen Hallig-Bahnhof. Eine schöne und stille Welt ist diese Hallig. Ein Außenposten. Weit draußen und in einer Welt, die nicht mehr Land ist und noch nicht Meer. Ein Ort zum Innehalten und Durchatmen. Um sie zu begreifen, muss man zu Fuß hin. Der Nordsee haben sie dieses kleine Eiland abgerungen, gewonnen noch lange nicht.

Mehr Informationen zur Wattwanderung nach Nordstrandischmoor und dem Reisen auf die Hallig unter www.nordstrandischmoor.de.